Was sagte Putin zum Thema Covid-19 und Impfungen in Russland?


Putins vierstündige Fragestunde am Mittwoch begann natürlich mit dem Thema Covid-19. Da die Maßnahmen in Russland derzeit auch in Deutschland Schlagzeilen machen, habe ich Putins Aussagen übersetzt.

Putins Fragestunde zum Thema Covid-19

Wie angekündigt übersetze ich die Teile von Putins vierstündiger Fragestunde, die meiner Meinung nach für deutsche Leser interessant sind. Die Fragestunde begann direkt mit dem Thema Covid-19 und der Impfpflicht, die in einigen russischen Regionen ausgerufen wurde. Bei dem Gespräch saßen zwei Journalistinnen mit Putin am Tisch und haben die Fragestunde moderiert.

Beginn des Interview:

Asker-Sade: Natürlich beunruhigt die neue Welle des Coronavirus jetzt alle am meisten. Es tauchen neue Mutationen auf und die Leute wollen wissen, wo die klaren Regeln sind. Warum wurde die Impfung als freiwillig angekündigt, aber jetzt sind in Moskau und einigen anderen Regionen zwei Drittel der Beschäftigten in bestimmten Bereichen verpflichtet, sich impfen zu lassen? Warum sind Massenveranstaltungen irgendwie verboten, aber die Euro-2020-Meisterschaft ist erlaubt? Wie kann man dafür sorgen, dass Gouverneure, Beamte und normale Bürger verstehen, wie diese Regeln sind?

Putin: Nichts einfacher als das. Was das Euro-2021-Fußballturnier angeht, müssen wir natürlich zuallererst die Verpflichtungen einhalten, die die Regierung für die Organisation dieser großen Sportereignisse eingegangen ist.

Aber insgesamt gibt es nichts Leichteres, als zu verstehen, was in diesem Bereich vor sich geht. Wir müssen uns nur das Gesetz ansehen. Ich habe, wie Sie sich vielleicht erinnern, einmal gesagt, dass ich eine Impfpflicht nicht befürworte, und ich vertrete diese Ansicht weiterhin. Sie müssen sich das Gesetz ansehen, ich glaube, es ist von 1998, in dem es um den Immunschutz der Bevölkerung geht. Es gibt dort zwei Hauptkomponenten, einen nationalen Impfkalender, der verpflichtend ist, das sind Pflichtimpfungen. Es gab Vorschläge von Kollegen, die Impfung gegen Covid in diesen Teil des nationalen Impfplans zu übertragen, den nationalen Plan. Aber die Abgeordneten der Staatsduma haben das nicht unterstützt, so dass die Impfung gegen Covid nicht in diesen Abschnitt des nationalen Impfplans aufgenommen wurde und im nationalen Plan nicht verpflichtend ist.

Gleichzeitig besagt der zweite Teil dieses Gesetzes, dass im Falle einer Epidemie in bestimmten Regionen der Russischen Föderation auf Empfehlung des leitenden Amtsarztes die Regierungen der Regionen das Recht haben, eine Impfpflicht für bestimmte Kategorien von Bürgern, insbesondere für Risikogruppen, einzuführen. Diese Bestimmung des Gesetzes haben die Leiter von zehn Subjekten der Russischen Föderation genutzt und die Pflichtimpfung für bestimmte Kategorien von Bürgern aus den sogenannten, ich wiederhole das, Risikogruppen eingeführt. Das geschieht im Rahmen des Gesetzes von 1998.

Es gibt also keine Verwirrung hier in Russland; alle handeln im Rahmen des Gesetzes, das ich gerade erwähnt habe.

Asker-Sade: Aber es wird keinen landesweiten Lockdown geben?

Putin: Das ist eine andere Frage. Die Aktionen unserer Kollegen in etwa zehn Regionen zielen genau darauf ab, zu verhindern, dass man einen Lockdown einführen muss, bei dem ganze Unternehmen geschlossen werden und Menschen ohne Arbeit und ohne Lohn dastehen, bei dem kleine und mittlere Unternehmen in Konkurs gehen und die persönlichen Einkommen sinken. Um das zu verhindern, werden in einigen Regionen und für bestimmte Kategorien von Bürgern solche Pflichtimpfungen eingeführt.

Wie bekannt ist, haben Experten schon oft darüber gesprochen: im Fernsehen, im Internet und in allen möglichen Kanälen der Massenmedien, dass eine weitere Ausbreitung der Epidemie nur durch Impfung verhindert werden kann. Wir haben diese Chance: Wir haben vier Hightech-Impfstoffe, die sicher und sehr wirksam sind. Es ist also zu hoffen, dass die Vorurteile bei einem Teil unserer Bürger mit dem Fortschreiten der Impfungen verschwinden werden. Im Moment sind bereits über 20 Millionen – ich glaube 23 Millionen – geimpft worden. Wie Sie sehen, ist alles in Ordnung und Gott sei Dank haben wir nicht so tragische Situationen nach Impfungen wie nach AstraZeneca oder Pfizer.

Asker-Sade: In Sachen Lockdown haben Sie uns beruhigt.

Putin: Das hoffe ich.

Beresowskaja: Herr Präsident, wir alle wissen, dass Sie aus eigener Erfahrung wissen, wie die Impfung ist und ein Beispiel für das ganze Land gegeben haben. Aber trotzdem bleibt eine Frage. Wenn Sie erlauben, werde ich eine SMS zitieren, die uns erreicht hat.

Putin: Bitte.

Beresowskaja: „Sagen Sie mir die Wahrheit: wurde der Präsident geimpft oder nicht? Warum wurde kein Video gezeigt?“

Und die Leute fragen auch, mit welchem Impfstoff Sie geimpft wurden, nicht nur in dieser SMS, es gibt eine Menge solcher Fragen, das interessiert alle.

Putin: Ich verstehe. Tatsächlich bin ich gebeten worden, nicht darüber zu sprechen, welchen Impfstoff ich bekommen habe, um keinen Wettbewerbsvorteil eines Impfstoffs gegenüber anderen zu schaffen. Aber ich sehe, dass es wirklich viele Fragen gibt.

Zum Thema Video. Ich denke nicht, dass das so eine große Sache ist, um das Video zu zeigen. Wenn ich an einer anderen Stelle als im Arm geimpft würde, soll ich dann auch das Video zeigen?

Wie Sie wissen, gibt es viele Gauner, die eine Impfung vortäuschen. Leider spielen die Ärzte manchmal mit und sie spritzen in Wahrheit was weiß ich was, oder gar nichts.

Beresowskaja: Kochsalz oder so.

Putin: Sie geben entweder Kochsalzlösung oder gar nichts. Ich hoffe, dass die Mehrheit der Menschen im Lande versteht, dass, wenn ich sage, dass ich geimpft wurde, das auch so ist. Auf dieser Ebene – glaube ich – lassen die Leute sich nicht auf kleinliche Betrügereien ein.

Was mich betrifft, so hatten wir zu der Zeit, als ich geimpft wurde, das war im Februar oder so, zwei Impfstoffe im Umlauf, EpiVacCorona des Nowosibirsker Zentrums Vektor und Sputnik-V. Sie sind beide gut. Damals kam gerade der dritte, aber er wurde noch nicht verimpft.

Natürlich hätte ich mich mit jedem der beiden impfen lassen können. Wissen Sie, so seltsam es klingen mag, ich habe mich nicht einmal mit Ärzten beraten, ich habe mir meine Bekannten angeschaut – wer was macht. Ich wiederhole, sie sind beide gut und modern. Der Impfstoff von Vektor ist synthetisch, er ist fortschrittlich. Aber ich habe mir meine Freunde angeschaut – vielleicht sage ich jetzt zu viel, aber trotzdem werde ich Ihnen sagen, wonach ich mich entschieden habe – und EpiVacCorona hat es eine kürzere Wirkungsdauer, obwohl er andere Vorteile hat: danach gibt es überhaupt keine Nebenwirkungen, nicht einmal Fieber. Ich habe mich entschieden, mich mit Sputnik-V impfen zu lassen, weil die Streitkräfte Sputnik-V erhalten und ich schließlich der Oberbefehlshaber bin.

Ich habe es schon gesagt, ich kann es wiederholen. Nach der ersten Spritze habe ich überhaupt nichts gespürt, etwa vier Stunden später gab es eine leichte Empfindlichkeit an der Einstichstelle. Nach der zweiten Injektion habe ich um 12 Uhr mittags und um Mitternacht Fieber gemessen und die Temperatur betrug 37,2. Ich ging zu Bett, wachte auf und es waren 36,6 Grad. Das war’s. Und nach einigen Tagen – nach 20 Tagen oder so – nahmen sie etwas Blut ab. Sie haben sich die Ergebnisse angeschaut und der Schutz ist hoch. Das empfehle ich auch Ihnen.

Sind Sie übrigens geimpft?

Beresowskaja: Wissen Sie, nein. Ich war vor kurzem erkrankt, es ist zu früh für mich. Das Gesundheitsministerium hat vor nicht allzu langer Zeit Empfehlungen für die Impfungen gegeben. Wenn ich mich nicht irre, muss man nach einer Erkrankung sechs oder 12 Monate warten, solange der natürliche Schutz vorhanden ist.

Asker-Sade: Zeit zum Nachdenken.

Beresowskaja: Mir ist es jetzt klar.

Putin: Wissen Sie, das Gesundheitsministerium gibt Empfehlungen und die Weltgesundheitsorganisation hat vor ein paar Tagen Empfehlungen ausgesprochen. Wenn keine Pandemie vorliegt, wird empfohlen, in 12 Monaten zu impfen, aber wenn es einen Ausbruch gibt, wird empfohlen, nach sechs Monaten zu impfen. Das sind die Empfehlungen der WHO.

Beresowskaja: Also im Herbst.

Putin: Wie war der Verlauf bei Ihnen? Leicht?

Beresowskaja: Ja, ich würde sagen, er war leicht. Aber leider sind die Bilder, das wir in den Nachrichten und im Internet sehen können, erschreckend.

Putin: Die Menschen können sich auch nach der Impfung infizieren. Etwa 10 Prozent erkranken trotzdem. Aber der Verlauf ist leicht und ohne Folgen – das ist das Wichtige. Das ist wahrscheinlich das Wichtigste. Denn wenn ein Mensch ohne Impfung erkrankt, können die Langzeitfolgen sehr schwerwiegend sein. Sie sollten auch Sie Ihre Gesundheit sorgfältig beobachten und sich gegebenenfalls erholen.

Asker-Sade: Nachdem wir Sie gehört haben, werden jetzt natürlich viele Leute losrennen, um sich mit Sputnik-V impfen zu lassen, aber nicht alle. Schließlich gehen die Menschen nicht ohne Grund zum Impfen – es gibt Zweifel an der Wirksamkeit von Impfstoffen. Schützen sie vor neuen Stämmen? Sie wissen wahrscheinlich, dass viele Menschen auch nach einer Impfung krank werden.

Putin: Ich habe das gerade gesagt – etwa 10 Prozent. Im Durchschnitt sind es 10 Prozent. Aber es ist ein relativ leichter Verlauf. Ich werde keine Namen nennen, weil das eine sehr persönliche Angelegenheit ist, aber im Land sehr bekannte Leute sind nach der Impfung erkrankt. Erst vor einer Woche ist ein Kollege von mir erkrankt: Gestern wurde mir gesagt, das war’s, er arbeitet schon wieder. Mir nahestehende Personen sind auch geimpft worden und dann leider erkrankt; sie haben sich recht schnell erholt und wurden nicht mit schweren Medikamenten behandelt. Das sind Menschen aus meinem engsten Umfeld. Deshalb ist eine Impfung sinnvoll.

Wie Sie wissen, haben wir kürzlich im Kreml Orden an unsere Wissenschaftler verliehen, darunter auch an die Wissenschaftler, die den Impfstoff entwickelt haben. Ich werde wiederholen, was ich immer wieder von denen höre: Die Krankheit kann sehr ernst sein und noch schlimmer sind die Folgen, die Langzeitfolgen. Das ist etwas, worüber man nachdenken muss.

Wissen Sie, es gibt immer, es hat immer Leute gegeben, die glauben, dass man sich überhaupt nicht impfen sollte. Es gibt eine Menge solcher Leute.

Asker-Sade: Impfgegner.

Putin: Nicht nur Impf-Dissidenten, davon gibt es eine ganze Menge in unserem Land und im Ausland.

Was geschieht in der Welt? Was sagen die Experten? Wenn Impfungen gegen die wichtigsten Infektionen weit verbreitet sind, scheint alles gut zu laufen, und die Menschen haben nicht das Gefühl, dass sie sich impfen lassen müssen: „Warum sollte ich mich impfen lassen? Es wird doch überhaupt niemand krank.“ Sobald die Impfquote unter einen bestimmten Schwellenwert fällt, kommen die Ausbrüche aus dem Nichts. Dann rennen alle los, um geimpft zu werden.

Wir sollten nicht auf Leute hören, die wenig Ahnung haben und sich auf Gerüchte stützen; wir sollten auf Experten hören. Schließlich passiert das überall auf der Welt. Wissen Sie, was habe ich nicht alles gehört: dass nichts los ist, dass es keine Epidemie gibt. Manchmal schaue ich mir an, was die Leute sagen. Es sind erwachsene, gebildete Menschen. Ich weiß nicht, woher sie das haben. Wenn man denen sagt, dass das auf der ganzen Welt geschieht, sagen sie „Ja, die Führer der Länder haben sich verschworen.“ Verstehen die überhaupt, was in der Welt vor sich geht, welche Widersprüche es heute in der Welt gibt? Da sollen sich alle zusammengetan und verschworen haben? Das ist Unsinn.

Asker-Sade: Aber manche glauben, das Virus sei künstlich entstanden.

Beresowskaja: Das wird übrigens immer noch recht aktiv diskutiert.

Putin: Das ist eine andere Frage: künstlich oder nicht. Die Frage ist, wie können wir uns davor schützen? Soll man warten, bis man krank wird, wie Sie es getan haben, und Sie fühlen sich wieder fit? Aber Sie sind jung und in guter Form, während es Menschen mit einem anderen Körperbau, mit chronischen Krankheiten und Alte gibt. Das sind die sogenannten Risikogruppen, ich sage es noch einmal. Es ist gefährlich, lebensbedrohlich, und die Impfung ist nicht gefährlich. Wir haben keine ernsthaften Komplikationen, nichts, ich hatte 37,2 Grad Fieber. Na und? Meine Tochter hat auch Sputnik-V bekommen und sie hatte 37,5.

Beresowskaja: Das hält sich im Rahmen.

Putin: Bei ihr dauerte es 24 Stunden und das war´s.

Asker-Sade: Lassen Sie mich Ihnen sagen, wie unsere Arbeit heute organisiert sein wird.

Wir haben bereits zwei Millionen Fragen erhalten, die Menschen schreiben, rufen an, schicken SMS. Wir sammeln sie und unterteilen sie nach Themen. Das sind die wichtigsten Themen, zu denen wir Fragen von Bürgern erhalten haben. Wir können uns ein beliebiges Thema aussuchen, zum Beispiel „Kommunikation und Internet“, und herausfinden, wofür sich unsere Zuschauer interessieren. (Anm. d. Übers.: Auf einem großen Bildschirm wurden die Themen angezeigt)

Putin: Okay.

Asker-Sade: Oder das Gesundheitswesen zum Beispiel. Natürlich sind alle besorgt über Covid, Impfungen, die Grundversorgung und die Verfügbarkeit von Medikamenten.

Putin: Welches Thema Sie wollen, bitte.

Beresowskaja: Herr Präsident, lassen Sie uns dann beim Unterthema Impfung und Bekämpfung von COVID bleiben. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf die russischen Regionen am unteren Bildschirmrand lenken. Wir können absolut jede auswählen und sehen, aus welcher Stadt die Fragen der Leute kommen.

Putin: Ja, bitte.

Beresowskaja: Außerdem haben wir verschiedene Arten von Nachrichten: einige sind Videos, einige sind Texte und es wird auch Telefonanrufe und Live-Übertragungen geben. Ich schlage vor, dass wir mit einer Videobotschaft aus Moskau starten. Starten wir sie?

Putin: Bitte, welche Sie wollen.

Tsvetkov: Guten Tag!

Putin: Guten Tag!

Tsvetkov: Yevgeny Tsvetkov aus Moskau.

Putin: Guten Tag, Evgeny!

Tsvetkov: Meine Frau ist Lehrerin an einer Schule in Moskau. Sie hat ein Attest wegen einer chronischen Krankheit. Aber der Schuldirektor akzeptiert das medizinische Attest nicht und verlangt bis zum 15. Juli eine schriftliche Bestätigung über die Impfung. Meine Frau kann das aber jetzt nicht tun, aber ihr wird mit Kündigung gedroht. Sagen Sie mir, ist das rechtmäßig?

Putin: Das ist nicht rechtmäßig. Wenn Sie ein medizinisches Attest haben, einen medizinischen Grund, hat niemand das Recht, auf die Impfung zu bestehen. Ich denke, der Direktor der Schule, in der Ihre Frau arbeitet, weiß nichts davon. Ich hoffe, er hört das und wird diese illegale Forderung zurücknehmen.