Warum sind mehr als 23.000 Ärzte aus der Impfkampagne ausgestiegen?


Kassen- und Privatärzte ziehen sich offenbar zunehmend aus der Corona-Impfkampagne zurück. Das geht aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts hervor, die WELT AM SONNTAG vorliegen. In der Woche vom 2. bis 8. August haben lediglich noch 29.300 Praxen Patienten gegen das Coronavirus geimpft und damit deutlich weniger, als sich insgesamt an der Kampagne beteiligt haben. Seit Impfbeginn haben mehr als 52.600 Praxen Covid-19-Impfungen verabreicht.

Corona-Impfkampagne Zurückziehung

Auch die Impfstoff-Bestellungen der Praxen sind seit Juni rückläufig, wie Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) zeigen. Demnach wurden am 27. Juli rund 1,3 Millionen angefragt. Das ist weniger als zum Start der Impfkampagne im April, als noch 1,5 Millionen Dosen geordert wurden.

Der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, relativiert hingegen, dass derzeit eine große Anzahl an Praxen aus dem Impfgeschehen aussteige. Es stimme zwar, dass die Impfzahlen rückläufig seien. „Wir dürfen aber nicht vergessen, dass immer mehr Menschen bereits vollständig geimpft sind“, sagte er.

Gassen sieht außerdem die Impfstoffhersteller in der Pflicht: „Damit Dosen nicht ungenutzt bleiben und entsorgt werden müssen, ist es wichtig, dass die Hersteller möglichst schnell auch Einzeldosen anbieten.“

„Andere Impfstoffaufmachungen“ auch bei AstraZeneca

Die großen Hersteller beschäftigen sich bereits mit solchen Anpassungen. „Wir arbeiten an kleineren Packungsgrößen und werden in etwa sechs Monaten ein Update geben können“, sagte eine Sprecherin der Mainzer Firma Biontech WELT AM SONNTAG. Auch AstraZeneca teilte mit, dass es erforderlich sein könnte, „im Laufe der Zeit andere Impfstoffaufmachungen anzubieten“.

Zeitgleich zum Rückzug der Ärzte planen die Bundesländer bereits das Ende ihrer Impfzentren. Elf der 16 zuständigen Landesministerien teilen auf Anfrage von WELT AM SONNTAG mit, ihre Einrichtungen bis spätestens 30. September komplett oder zumindest weitgehend zu schließen. Bayern und Schleswig-Holstein wollen Zentren in großem Umfang immerhin noch mit reduzierter Kapazität oder im „Stand-by-Modus“ aufrechterhalten.

Mehr als 23.000 Ärzte in Deutschland sind aus Corona-Impfkampagne ausgestiegen. Das sollte man nicht überbewerten, sagt Virologe Prof. Klaus Stöhr. Gefühlt werde fast nur über die Impfung der über 12-Jährigen diskutiert, wichtiger sei aber der Schutz der Älteren.

Ungeimpfte unter Druck gesetzt

In Deutschland ist nur gut die Hälfte (56,82%) der Bevölkerung vollständig gegen Corona geimpft. Weniger als zwei Drittel (62,76 %) der Deutschen haben mindestens eine Impfung erhalten.

Unterdessen werden die ungeimpften Menschen in Deutschland weiter unter Druck gesetzt. Ab dem 11. Oktober sind Koronatests nicht mehr kostenlos. Ohne Impfung, Genesungsbescheinigung oder negativen Test darf man nicht mehr im Gastgewerbe, bei Friseuren und anderen Kontaktberufen arbeiten. Auch Sport oder Veranstaltungen sind dann tabu. Die Regelung gilt auch für Besucher von Krankenhäusern, Alten- und Pflegeheimen.