Cyberangriffe mit einem Atomkrieg?


US-Präsident Biden hat eine Rede vor den US-Geheimdiensten gehalten, in der er Russland scharf angegangen ist. Der Spiegel ist in seinen Artikeln darüber seiner Rolle als Pressesprecher der USA mal wieder mehr als gerecht geworden.

USA vs. Russland

Im ersten Artikel mit der Überschrift „Folge von Cyberangriff – US-Präsident Biden warnt vor »echtem Krieg«“ hat er über Joe Bidens Rede vor den US-Geheimdiensten berichtet, wobei es dem Spiegel kein kritisches Wort wert war, dass Biden einen heißen Krieg mit Russland und/oder China für möglich hält, wobei ihm als Grund schon ein Cyberangriff ausreicht. Der in den USA inzwischen sogar vom US-Präsidenten für möglich gehaltene Atomkrieg (denn darum geht es im Falle eines solchen Krieges) scheint Spiegel-Redakteuren egal zu sein, sie scheinen sich für immun gegenüber Atombomben zu halten.

Man stelle sich einmal vor, Putin würde den USA als Reaktion für Cyberangriffe mit einem Atomkrieg drohen, ich bin bereit, darauf zu wetten, dass der Spiegel tagelang über den „Kriegstreiber“ Putin schreiben würde. Aber wenn Biden so etwas sagt, dann zitiert der Spiegel es brav und kommentiert es nicht. Der Spiegel zeigt einmal mehr, dass er sich als Pressestelle der USA versteht, der die Äußerungen der US-Regierung brav wörtlich weitergibt.

Was passiert ist

US-Präsident Joe Biden hat Russland in einer Rede vor den US-Geheimdiensten scharf angegriffen. Der Spiegel zitiert Biden korrekt, wenn er schreibt:

„Biden hingegen warf Russland vor, sich jetzt schon durch Verbreitung von Falschinformationen in die Kongresswahlen 2022 einzumischen. »Schauen Sie sich an, was Russland bereits in Hinblick auf die Wahlen 2022« unternimmt, sagte Biden. »Das ist eine reine Verletzung unserer Souveränität.«“

Es wäre allerdings die Pflicht eines Journalisten, auch zu fragen, was genau „Russland bereits in Hinblick auf die Wahlen 2022 unternimmt.“ Das Problem an dieser Aussage Bidens ist nämlich, dass er dazu nichts gesagt hat. Mehr noch: Es gibt in den USA bisher noch nicht einmal frei erfundene Vorwürfe in diese Richtung. Die werden sicher noch kommen, aber bisher gibt es sie nicht, von belegten Vorwürfen gar nicht zu reden. Der Spiegel stellt jedoch keine kritischen Fragen, wenn Joe Biden spricht.

Der Spiegel sieht sich ja als Pressestelle der USA in Deutschland, also springt er hilfreich ein, wenn Biden selbst nichts dazu sagt. Dazu vermischt der Spiegel zwei Themen, die nichts miteinander zu tun haben:

„Im Herbst 2022 finden in den USA Kongress-Zwischenwahlen statt, bei denen alle Sitze im Repräsentantenhaus und ein Drittel der Sitze im Senat zur Wahl stehen. Das Weiße Haus hatte Russland zuletzt wiederholt aufgefordert, Maßnahmen gegen Cyberattacken zu ergreifen, die russischen Hackern zugeschrieben werden.“

US-Wahlen und die bösen Russen

Bidens unbelegte und nicht konkretisierte Vorwürfe klingen für den Spiegel-Leser so gleich viel glaubwürdiger. Dabei liegt das Problem ganz woanders: Die Zustimmungswerte für Biden stürzen gerade ab, wie eine aktuelle Umfrage von Gallup zeigt. Die Zustimmung zu Biden ist von 56 Prozent im Juni auf 50 Prozent im Juli gefallen. Damit hat Biden die drittschlechtesten Werte aller Nachkriegspräsidenten, denn nur Trump und Clinton hatten im zweiten Quartal nach ihrer Amtseinführung noch schlechtere Werte. Die desolate Wirtschaftslage, die explodierende Kriminalität und Inflation, all das lässt Bidens Zustimmungswerte abstürzen. Aber der Spiegel-Leser weiß ja nicht, dass der als Heilsbringer präsentierte Joe Biden, über dessen Bilanz man in Deutschland nur positives lesen kann, in den USA ganz anders gesehen wird.

Nächstes Jahr sind Wahlen in den USA, bei denen die Karten in den US-Parlamenten neu gemischt werden und derzeit sieht es für die US-Demokraten alles andere als rosig aus. Daher beginnen sie nun schon an der Legende zu basteln, dass sie eine mögliche Wahlniederlage nur der ominösen russischen Einmischung zu verdanken haben. Joe Biden hat in seiner Rede den Startschuss zu der Kampagne gegeben. Der Dauerbrenner der russischen Einmischung in US-Wahlen geht damit in die nächste Runde, nachdem Hillary Clinton die neue Tradition der US-Demokraten begründet hat, Russland die Schuld an eigenen Wahlniederlagen zu geben.

Bidens Frontalangriff gegen Putin

Über das, was Joe Biden dann noch über Russland gesagt hat, berichtet der Spiegel ebenfalls korrekt:

„Biden griff seinen russischen Amtskollegen Wladimir Putin mit scharfen Worten an: Putin habe »ein echtes Problem, er sitzt an der Spitze einer Wirtschaft, die Atomwaffen hat und sonst nichts«, sagte Biden. »Er weiß, dass er in Schwierigkeiten steckt, was ihn in meinen Augen noch gefährlicher macht.«“

Das ist offensichtlicher Unsinn, denn Russland dürfte Deutschland als fünftgrößte Volkswirtschaft der Welt überholt haben oder überholt Deutschland in 2021 oder 2022. Für 2020 liegen noch keine gesicherten Zahlen vor, aber 2019 lag Deutschlands BIP nach Kaufkraftparität bei 4,672 Billionen Dollar und Russland lag bei 4,136 Billionen. Ich habe über diese Thematik ausführlich geschrieben und vor allem auch erklärt, welches BIP man zum Vergleich von Staaten nehmen muss, denn es gibt verschiedene Arten, das BIP zu messen. Bevor Sie die BIPs googeln, lesen Sie daher bitte hier die Details nach.

Wenn man nun berücksichtigt, dass Deutschlands BIP dank der Lockdown-Maßnahmen den größten Rückgang seiner Geschichte erlebt, während Russland relativ unbeschadet durch die Krise kommt, dann dürfte Russland Deutschland wohl demnächst überholen, wenn das nicht sogar schon geschehen ist. Aber auch davon wissen Spiegel-Leser ja nichts.

Die „scharfe Reaktion“ des Kreml

Der zweite Spiegel-Artikel über das Thema trug die Überschrift „Konfrontation der Großmächte – Kreml reagiert scharf auf Bidens Atom-Äußerung.“ Bevor wir auf den Spiegel-Artikel kommen, sehen wir uns die „scharfe Reaktion“ des Kreml in voller Länge an, denn der Kommentar von Kreml-Sprecher Peskow wurde in den russischen Medien gezeigt. Und zwar im O-Ton, nicht etwa in kurzen Zitaten. Peskow sagte:

„Das sind eindeutige eine falsche Information und ein falsches Verständnis des modernen Russlands. Ja, Russland ist die größte Atommacht, eine sehr verantwortungsvolle Atommacht. Ja, es ist ein Land mit einem recht großen Öl- und Gassektor. Aber zu behaupten, Russland hätte sonst nichts, ist fundamental nicht richtig. Wahrscheinlich hätten die Berater Präsident Biden darüber in Kenntnis setzen sollen, dass der Anteil des Öl- und Gassektors an Russlands BIP 2020 15,2 Prozent betragen hat. 2017 betrug dieser Anteil 16,9 Prozent. Wenn es um Experten-Dokumente ginge, hätte diese Information dem US-Präsidenten vorgelegt werden müssen.“

Und bei einer anderen Gelegenheit fügte Peskow am gleichen Tag noch hinzu:

„Die USA können kaum noch als Partner bezeichnet werden. Vielmehr sind sie unser Gegner oder unser Vis-à-vis. Es gibt bisher keine Partnerschaftsprogramme und -beziehungen, was wir bedauern. Obwohl Präsident Putin wiederholt den politischen Willen zur Normalisierung dieser Beziehungen gezeigt hat.“

Ist Russland eine sehr verantwortungsbewusste Nuklearmacht?

Der Spiegel schreibt über diese Aussage:

„Kreml-Sprecher Dmitri Peskow entgegnete darauf, der US-Präsident liege »fundamental falsch«. Russland sei eine »sehr verantwortungsbewusste Nuklearmacht«. Sein Land habe Atomwaffen und den Öl- und Gassektor, »aber zu sagen, dass Russland nichts anderes hat, ist fundamental falsch«, erklärte Peskow. Es handle sich bei den Aussagen Bidens um »inkorrektes Wissen und eine Fehleinschätzung des modernen Russlands«.

Hoffnungen, dass die beiden Atommächte sich rasch wieder annähern könnten, dämpfte Peskow. Die USA könnten »nur schwer als Partner bezeichnet werden«, sagte der Sprecher. Es handle sich bei den Vereinigten Staaten eher um einen »Gegner« oder ein »Vis-à-vis«.“

Merken Sie was?

Dass die russische Abhängigkeit von Öl und Gas inzwischen fast nicht mehr existiert, sollen deutsche Leser nicht erfahren. „Qualitätsmedien“ wie der Spiegel wollen bei ihren Lesern bewusst ein falsches Russlandbild konservieren, in dem Russland nur von Öl und Gas lebt. Das ist aber inzwischen längst nicht mehr so.

Das zweite, was deutsche Leser nicht wissen sollen, ist, dass Russland den Ausgleich und die Entspannung sucht. Erinnern wir uns an die Überschrift des Spiegel-Artikels, in der von einer „scharfen Reaktion“ die Rede ist. Erkennen Sie in Peskows Worten eine scharfe Reaktion?

In dem Spiegel-Artikel kann man zum Beispiel auch noch lesen:

„Inzwischen führen zwar Delegationen der beiden Länder in Genf Abrüstungsverhandlungen, doch die beiden Staatschefs beharken sich längst wieder verbal.“

Wo beharken sich die beiden Staatschefs? Erstens hat Putin nichts dergleichen gesagt oder getan, er hat sich im Gegenteil nach dem Gipfeltreffen in Genf sehr positiv über Biden geäußert und ihn sogar in Schutz genommen, wie Sie hier nachlesen können. Und zweitens hat heute nicht Putin, sondern sein Sprecher auf Bidens Flegeleien reagiert. Aber finden Sie in Peskows Aussage etwas, das man als „beharken“ bezeichnen kann?

In Wahrheit ist es so, dass es die USA und Joe Biden sind, Russland und Putin persönlich ständig angreifen, auch gerne mal unter der Gürtellinie, während Russland mit stoischer Ruhe reagiert und sich nicht provozieren lässt.